Kapitel 5
Die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit
(Virâgânupassanâ)

Einer, der die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit entfaltet, gibt die Leidenschaft auf.

(Virâgânupassanam bhâvento râgam pajahati.)


Die Bedeutung von Leidenschaftslosigkeit

Der Begriff virâga, welcher allgemein Leidenschaftslosigkeit oder Nichtanhaftung bedeutet, ist in verschiedenen Bedeutungen in den Texten verwendet worden1. Einige wenige dieser für den gegebenen Zusammenhang wichtige Bedeutungen sind folgende:

1. Das „Vergehen" oder Beseitigen der Leidenschaft und des Vergnügens gegenüber Gestaltungen, was durch Einsichtsweisheit mit der Methode des „Ersetzens durch das Gegenteil" erreicht wird; weil Leidenschaftslosigkeit im Laufe der Betrachtung die Leidenschaft ersetzt, könnte dies auf eine „ersetzende Leidenschaftslosigkeit" (tadanga-virâga)2 verweisen.

2. Die augenblickliche Auflösung der Gestaltungen, genannt „Zerstörungs-Leidenschaftslosigkeit" (d.h. „Zerstörung als eine Form der Leidenschaftslosigkeit" oder „Vergehen durch Zerstörung", khaya-virâga).3

3. Nibbâna, welches die letztendliche Leidenschaftslosigkeit (accanta-virâga) oder Befreiungs-Leidenschaftslosigkeit (nissarana-virâga) ist.4

4. Der überweltliche Pfad, welcher die Leidenschaft dauerhaft ausrottet und deshalb Ausrottungs-Leidenschaftslosigkeit (samuccheda-virâga)5 genannt werden kann.

Es zeigt sich, dass die erste Definition von Leidenschaftslosigkeit - d.h. das Vergehen der Leidenschaft als eine Folge der Einsicht - die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit am besten beschreibt, wie sie im Zusammenhang mit den sieben Betrachtungen zu verstehen ist6. Darum werden wir die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit auf der Basis dieser Definition schildern und gleichzeitig die Erörterung auf die anderen Bedeutungen beziehen.


Die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit

Die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit wird ohne das erreichte gereifte Einsichtswissen bezüglich des Auf- und Untergangs nicht offenbar. Wenn dieses tiefe Wissen aktiviert wird, begreift der Meditierende klar die drei Merkmale der Phänomene, und dieses Wissen dient als eine Bedingung für das Zustandekommen der Betrachtung der Abwendung. Gleichzeitig setzt eine Nichtanhaftung gegenüber den Gestaltungen ein. Die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit durch „Ersetzen durch das Gegenteil" ist die Anwendung der Einsichtsbetrachtung zur Förderung der Entfaltung dieser Nichtanhaftung.

Auf dieser Stufe, selbst wenn der Meditierende sowohl den Auf- als auch den Untergang der Phänomene klar begreift, richtet sich seine Aufmerksamkeit gespannter auf ihren Untergang als auf ihr Auftauchen, als eine Folge dieser „Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit durch Ersetzen durch das Gegenteil". Wenn das Schwinden der Gestaltungen immer hervorstechender wird, wird die Betrachtung der Unbeständigkeit schärfer. Dies bahnt den Weg für das Auflösungswissen (bhanga-ñâna). In diesem Abschnitt gibt der Meditierende jede Beschäftigung mit der Entstehung der Gestaltungen auf und richtet seine Aufmerksamkeit ganz auf ihre augenblickliche Auflösung. Wenn diese augenblickliche Auflösung als „Zerstörungs-Leidenschaftslosigkeit" in Betracht gezogen wird, kann beobachtet werden, wie die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit Kraft gewinnt durch die wiederholte Beobachtung der „Zerstörungs-Leidenschaftslosigkeit".

Wenn der Meditierende erkennt, wie all die geistigen und materiellen Gestaltungen, die zu Geistobjekten werden - zusammen mit den Geistzuständen, die die Betrachtung bewerkstelligen - fortwährend zerfallen und sich auflösen, versteht er die große Furchtbarkeit in der Welt der Gestaltungen. Auch durch das Betrachten, wie Gestaltungen stets durch Zerstörung vergehen, werden ihre vielfältigen Gefahren offenbar. Als ein Ergebnis erscheint die Betrachtung der Abwendung und nimmt an Kraft zu. Die darauf folgende Nichtanhaftung lässt die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit durch „Ersetzen durch das Gegenteil" in den Vordergrund treten. Obwohl die Betrachtung der Abwendung allmählich abflaut, nachdem das Abwendungswissen seine Vollendung erreicht hat, nimmt die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit weiter an Kraft zu. Diese Betrachtung der „Ersatz-Leidenschaftslosigkeit" verdrängt die Leidenschaft und bahnt den Weg für das Erscheinen des Gleichmuts. Sie wird dann eine immens machtvolle unterstützende Voraussetzung für das Entstehen des Stadiums des Einsichtswissens, welches Wissen vom Gleichmut gegenüber den Gestaltungen (sankhâr´upekkhâ-ñâna) genannt wird. Dieses ist der Vorläufer für das Erscheinen des überweltlichen Pfad-Prozesses.

Zu dieser Zeit hat der Meditierende das folgernde Wissen erworben, dass Nibbâna der letztendliche Zustand der Leidenschaftslosigkeit ist. Während er in Anspruch genommen ist von der Betrachtung der „Zerstörungs-Leidenschaftslosigkeit", d.h. der Betrachtung der augenblicklichen Auflösung der Phänomene, realisiert er auch: „Nibbâna, genannt der Zustand der Leidenschaftslosigkeit, ist übermäßig ruhig und erhaben durch seine Erhabenheit über die anhaltende Auflösung der Gestaltungen". Während der Beschäftigung mit der Betrachtung der „Leidenschaftslosigkeit durch Ersetzen durch das Gegenteil" fällt ihm ein: „Nibbâna, genannt der Zustand der Leidenschaftslosigkeit, ist übermäßig ruhig und erhaben durch seine völlige Freiheit von allen Gestaltungen und sogar von jeder Spur der Leidenschaft"7. Die wiederholte Erfahrung dieser Beobachtung kann auch mit der Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit gleichgesetzt werden.

Der Höhepunkt der Einsicht wird als der Gipfel der Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit angesehen. Wenn der Meditierende durch die erfolgreiche Ausführung der Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit die Leidenschaft gegenüber allen Gestaltungen durch Ersetzen durch das Gegenteil bei völligem Verzicht auf alle Gestaltungen als Objekte unterdrückt hat, wird er unmittelbar Nibbâna erfahren, den letztendlichen Zustand der Leidenschaftslosigkeit. Diese überweltliche Pfad-Bedingung, bekannt als „Ausrottungs-Leidenschaftslosigkeit" oder die Ausrottung der Leidenschaft (samuccheda-virâga), wird in den Kommentaren auch als eine Form der Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit beschrieben.8

Die vierzehnte der sechzehn Stufen der Atmungsachtsamkeit ist die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit, welche der Patisambhidâ-magga mit den folgenden Begriffen beschreibt (die eingeklammerten Teile sind vom Kommentar):

Erkannt habend [vom Auflösungswissen aufwärts] die in materieller Form enthaltenen Gefahren und ausgestattet mit einer [heilsamen] Sehnsucht [erzeugt durch Wissen, das aus den Schriften gewonnen wurde] nach Leidenschaftslosigkeit gegenüber materieller Form (d.h. für Nibbâna), entscheidet er sich dafür [dieses Nibbâna] mit vollem Vertrauen. Der Geist des Meditierenden ist also fest gegründet [in Zerstörungs-Leidenschaftslosigkeit, welche die Zerstörung materieller Phänomene ist - als Geistobjekt, und in Nibbâna, auf der Basis der Schriften, welches der letztendliche Zustand der Leidenschaftslosigkeit ist]. (Auf diese Weise) übt er sich wiederholt so: „Ich werde einatmen in Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit gegenüber materieller Form; ich werde ausatmen in Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit gegenüber materieller Form." (Dieses Verhalten wird bezüglich der verbliebenen vier Anhäufungen wiederholt, wobei „materielle Form" aufeinanderfolgend durch Gefühl, Wahrnehmung, geistige Gestaltungen und Bewusstsein ersetzt wird.)9Erkannt habend [vom Auflösungswissen aufwärts] die in materieller Form enthaltenen Gefahren und ausgestattet mit einer [heilsamen] Sehnsucht [erzeugt durch Wissen, das aus den Schriften gewonnen wurde] nach Leidenschaftslosigkeit gegenüber materieller Form (d.h. für Nibbâna), entscheidet er sich dafür [dieses Nibbâna] mit vollem Vertrauen. Der Geist des Meditierenden ist also fest gegründet [in Zerstörungs-Leidenschaftslosigkeit, welche die Zerstörung materieller Phänomene ist - als Geistobjekt, und in Nibbâna, auf der Basis der Schriften, welches der letztendliche Zustand der Leidenschaftslosigkeit ist]. (Auf diese Weise) übt er sich wiederholt so: „Ich werde einatmen in Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit gegenüber materieller Form; ich werde ausatmen in Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit gegenüber materieller Form." (Dieses Verhalten wird bezüglich der verbliebenen vier Anhäufungen wiederholt, wobei „materielle Form" aufeinanderfolgend durch Gefühl, Wahrnehmung, geistige Gestaltungen und Bewusstsein ersetzt wird.)9

Der Visuddhimagga, bei der Erklärung der Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit als die selbe vierzehnte Stufe bei der Atmungsachtsamkeit, betont Leidenschaftslosigkeit als die augenblickliche Zerstörung der Gestaltungen und erwähnt nicht die Leidenschaftslosigkeit durch „Ersetzen durch das Gegenteil"10. Der Kommentar zum Patisambhidâmagga scheint dieser Tradition hier ebenfalls gefolgt zu sein. Doch weil der Text die Redewendung „die in materieller Form enthaltene Gefahr erkannt habend" beinhaltet, kann man leicht auch Leidenschaftslosigkeit durch Ersetzen durch das Gegenteil damit in Verbindung bringen, denn es war vorher gezeigt worden, wie Abwendung und Leidenschaftslosigkeit durch „Ersetzen durch das Gegenteil" folgen, wenn man die Gefahr in den Phänomenen versteht (siehe S. 64 oben). Leidenschaftslosigkeit durch Ersetzen, das sollte vermerkt werden, kann sich auch aus der Betrachtung der Zerstörungs-Leidenschaftslosigkeit ergeben, d.h. aus der Betrachtung der augenblicklichen Zerstörung der Phänomene.11


Leidenschaftslosigkeit und Abwendung

Die Betrachtung der Abwendung, die durch die Vergegenwärtigung der in den Gestaltungen enthaltenen Gefahren erscheint, und die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit, welche durch diese Vergegenwärtigung stärker wird, sind eng verwandt12. Der Patisambhidâmagga-Kommentar hat an einer Stelle auch die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit mit der der Abwendung gleichgesetzt13. In einigen Suttas hat der Buddha die Begriffe „Abwendung" und „Leidenschaftslosigkeit" zur Verbindung „Abwendungs-Leidenschaftslosigkeit" (nibbidâ-virâga) zusammengefügt14. Auch kann die Betrachtung, auf die die Texte als die „Wahrnehmung der Abneigung gegen die ganze Welt" (sabbaloke anabhirata-saññâ) verweisen, sowohl mit der Betrachtung der Abwendung gleichgesetzt werden (welche von den Kommentaren und Subkommentaren vorgezogen wird) als auch mit der Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit.15

Die enge Ähnlichkeit zwischen Vergnügen (nandi) und Leidenschaft (râga), welche jeweils durch die Betrachtung der Abwendung und die der Leidenschaftslosigkeit vernichtet werden, bestätigt ebenfalls die Ähnlichkeit zwischen diesen zwei Betrachtungen. Nandi ist die vom Vergnügen erzeugte Gier und râga die von der Neigung erzeugte Gier16. Es ist ferner festgestellt worden, dass nandi eine mit Genuss verbundene Begierde (sappîtika-tanhâ) ist, wohingegen râga eine genusslose Begierde (nippîtika-tanhâ) ist17. Lehrreden, in welchen nandi und râga zum Verbund nandi-râga zusammengefügt erscheinen, sind nicht ungewöhnlich: „Mönche, einer, der materielle Form betrachtet und sie versteht, wie sie in Hinsicht auf ihre Unbeständigkeit wirklich ist, entwickelt Abwendung gegenüber materieller Form. Durch die Vernichtung des Vergnügens ist die Leidenschaft vernichtet; durch die Vernichtung der Leidenschaft ist das Vergnügen vernichtet. Durch die Vernichtung beider, des Vergnügens und der Leidenschaft (nandi-râga), ist der Geist vollkommen befreit."18 Diese Worte des Buddha unterstreichen die enge Verbindung zwischen nandi und râga.

Wenn dies so ist, sind dann Abwendung (nibbidâ) und Leidenschaftslosigkeit (virâga) identisch? Obwohl die zwei sehr ähnlich sind, weisen andere Lehrreden des Buddha auf einen Unterschied hin, ein Ursache- und- Wirkungsverhältnis zwischen ihnen: „Mönche, ich erkläre, dass Leidenschaftslosigkeit mit Ursache ist und nicht ohne Ursache. Was ist die Ursache der Leidenschaftslosigkeit? Es muss festgestellt werden: die Abwendung."19

Hier beschreibt der Kommentar die Abwendung als gesteigerte Einsicht und die Leidenschaftslosigkeit als den überweltlichen Pfad20. In den Lehrreden, wo Abwendung und Leidenschaftslosigkeit zusammen vorkommen (besonders an den Stellen, wo die drei Stufen der Abwendung, Leidenschaftslosigkeit und Befreiung aufeinanderfolgend angeführt werden), interpretiert der Kommentar Leidenschaftslosigkeit sehr oft als den überweltlichen Pfad21. (Unter den Beispielen, die in Kapitel 4 für die abweichenden Arten des Aufkommens von Abwendung angeführt sind, handeln alle außer einem vom Prozess von der Abwendung zur Leidenschaftslosigkeit und Befreiung.)

Nichtsdestoweniger gibt es den Beweis in den Texten, dass Leidenschaftslosigkeit, die auf die Abwendung folgt, nicht immer überweltlich sein muss. Betrachtet z.B. folgende Passage:

„Mönche, es wird gesagt, dass von allen Bewohnern und Herrschern von Kâsi-Kosala König Pasenadi an erster Stelle steht. Dennoch ist König Pasenadi zweifellos der Veränderung unterworfen, dem Tode unterworfen. Mönche, der unterrichtete edle Schüler, der diese Tatsache versteht, entfaltet Abwendung sogar gegenüber der Königswürde und wird leidenschaftslos (virajjati) sogar dem Hervorragendsten gegenüber, der Krone von Kosala. Was ist somit noch zu jenen niederen Sinnesfreuden zu sagen?"22

Es ist klar, dass "wird leidenschaftslos" (virajjati) hier eine irdische Variante der Leidenschaftslosigkeit bezeichnet, und an diesen und anderen in dem Sutta zitierten Beispielen wird es deutlich, dass Leidenschaftslosigkeit sogar in Verbindung zu den gewöhnlichen Objekten der äußeren Welt ausgebildet werden kann.

Im Dhâtuvibhanga-Sutta erklärt der Buddha, wie bei vorgerückter Einsicht irdische Leidenschaftslosigkeit unmittelbar nach der Abwendung erlangt wird. Die detaillierte Darstellung der Meditation über die Elemente, die dort gegeben wird, kann wie folgt zusammengefasst werden:

Der Meditierende mit rechtem Einsichtswissen versteht beide, das innerliche und äußerliche Erdelement, schlicht als das Erdelement. Er betrachtet es als „nicht mein, nicht ich, nicht mein Selbst". Dabei entwickelt er Abwendung gegenüber dem Erdelement und sein Geist wird diesem gegenüber leidenschaftslos (d.h. er entfaltet irdische Leidenschaftslosigkeit). Auf die selbe Weise entwickelt er Abwendung und Leidenschaftslosigkeit gegenüber den Elementen Wasser, Feuer, Luft und Raum. Nun verbleibt nur noch das Bewusstsein, geläutert und strahlend. Durch dieses Bewusstsein beginnt er zu verstehen, dass alle Gefühle - ob angenehm, leidvoll oder neutral - durch Kontakt entstehen und bei fehlendem Kontakt aufhören.23 Schließlich erlangt er Gleichmut (upekkhâ), geläutert, geschmeidig, zugänglich und strahlend. Er missbraucht diese Bedingung nicht, um Gestaltungen anzuhäufen, die den Kreislauf der Existenz verlängern. Ohne Habsucht nach Weltlichem, niemals angestachelt durch Begierde, realisiert er Arahantschaft durch Auslöschen der Feuer der Leidenschaft (d.h. er erfährt überweltliche Leidenschaftslosigkeit).24

Hier zeigt es sich, dass Leidenschaftslosigkeit gegenüber den fünf materiellen Elementen - Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum - auf einer höheren Stufe der Einsichtsmeditation vorkommt. Nichtsdestoweniger muss dies zum weltlichen Niveau gehören, weil auf dem überweltlichen Niveau die Leidenschaftslosigkeit gleichzeitig gegenüber beiden, dem Geist und den materiellen Dingen, zusammen auftreten sollte. Die überweltliche Bedingung reift nur mit der nachfolgenden Perfektion der Einsicht durch ihre Erweiterung auch auf die geistigen Phänomene. Daher kann festgestellt werden, dass die aus der Abwendung resultierende Leidenschaftslosigkeit anfänglich eine weltliche Bedingung ist und dass sie durch weitere Entfaltung das überweltliche Niveau erreicht.25


Die Reifung der Leidenschaftslosigkeit

Dieser Standpunkt wird bestätigt, wenn wir untersuchen, wie die zwei Betrachtungen der Abwendung und der Leidenschaftslosigkeit in wechselseitiger Verbindung auf praktischer Ebene funktionieren. Durch Erkennen der in den Gestaltungen enthaltenen Gefahren wird Abwendung erzeugt, und daraus entspringt Leidenschaftslosigkeit. Diese zwei Betrachtungen entwickeln sich im Einklang weiter als ein Ursache-Wirkungszusammenhang, bis sie den Höhepunkt des Abwendungswissens erreichen. In diesem Stadium wäre es schwierig, zwischen den beiden als getrennte Betrachtungen zu unterscheiden.

Mit der weiteren Entfaltung der Einsicht und der folgenden Stabilisierung des Wissens vom Gleichmut gegenüber den Gestaltungen beginnt die Betrachtung der Abwendung abzunehmen, da sie fernerhin nicht mehr gebraucht wird26. Die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit übt jedoch ihre Funktion noch kraftvoller aus, mehr und mehr zum Gleichmut der Einsicht tendierend, einer Ausgeglichenheit des Geistes, frei von jeder Anhaftung und jedem Konflikt, ohne eine Spur von Abwendung.

Gerade in diesem Stadium des Gleichmuts gegenüber Gestaltungen wird eines der drei Merkmale der Phänomene zum Objekt der Aufmerksamkeit. Aber was daraus entsteht, wird nicht Abwendung sein (wie in einer früheren Phase), sondern reine Leidenschaftslosigkeit, eine reife Phase der Leidenschaftslosigkeit, welche sich als Gleichmut offenbart. Als Folge entfaltet sich die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit mühelos. Auf dieser Stufe jedoch ist die Betrachtung der Abwendung geschwunden. Die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit konnte durch den anfänglich von der Betrachtung der Abwendung verliehenen Antrieb zustandegebracht werden. Dieser Intensitätsgrad liegt nun in dieser späteren Phase vor. Darum kann behauptet werden, dass gerade diese Phase der Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit ein Produkt der Betrachtung der Abwendung ist.

Wir wollen diesen Punkt mit einer Illustration klären. Stellt euch vor, ein Kind rollt ein Rad eine gerade Straße entlang. Obwohl das Kind und das Rad sich im Einklang bewegen, rollt das Rad in Wirklichkeit infolge des ihm von dem Kind verliehenen Schubs. Wenn das Kind allmählich seine Geschwindigkeit steigert, beschleunigt das Rad auch. Als das Kind seine Höchstgeschwindigkeit erreicht hat, kommt es an ein Gefälle der Straße. Hier hält es an und lässt das Rad allein weiterrollen, da es ferner nicht mehr zum Anschieben gebraucht wird. So rollt das Rad durch die anfänglich vom Kind erhaltene Schubkraft mit wachsender Geschwindigkeit das Gefälle hinunter. Wenn wir das Kind mit der Betrachtung der Abwendung gleichsetzen, das Rad mit der Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit, die gerade Straße mit der sich steigernden Einsichtsmeditation und das Gefälle mit dem Wissen vom Gleichmut gegenüber den Gestaltungen, sollte die Bedeutung von dem Gleichnis klar sein.

Wenn der Gleichmut gegenüber den Gestaltungen erreicht ist, erlangt die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit hohe Reife. Danach geht sie in den überweltlichen Pfad über, wobei sie überweltliche Qualität erwirbt. Dementsprechend wurde festgestellt, dass Leidenschaftslosigkeit, realisiert als eine Frucht der Abwendung, anfänglich auf weltlicher Ebene auftaucht und nachfolgend die überweltliche Ebene erreicht, während die Abwendung immer auf weltlicher Ebene bleibt. Wir machen diese Behauptung auf der Prämisse, dass Abwendung und Leidenschaftslosigkeit zwei Betrachtungen sind, die sich allmählich in intensivierter Einsichtsmeditation entfalten und Abwendung nicht als allgemeiner Begriff verwendet wird, der generell Einsicht oder eine spezielle Stufe des Einsichtswissens, genannt „Wissen von der Abwendung" (s. Kap. 4, Anm. 18) bezeichnet.

Folglich können wir in den Suttas, welche die Stadien der Abwendung, der Leidenschaftslosigkeit und der Befreiung als ursächliche Aufeinanderfolge darlegen (s. Kapitel 4, Anm. 21), wenn wir uns im Geist die Funktionen der Betrachtungen der Abwendung und der Leidenschaftslosigkeit in der fortgeschrittenen Einsichtsmeditation des gewöhnlichen Meditierenden vergegenwärtigen, derartige Leidenschaftslosigkeit nicht ausschließlich auf den überweltlichen Pfad selbst beziehen. Es wäre angemessener, hier den Begriff „Leidenschaftslosigkeit" (virâga) als sowohl die anfängliche weltliche Stufe, wie auch die überweltliche Stufe beinhaltend anzusehen.


Das Bezwingen der Leidenschaft

Weil durch die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit die Leidenschaft vernichtet wird, kann diese Betrachtung als ein Teil der Betrachtung des Leidens angesehen werden, mit der Begründung, dass die Betrachtung des Leidens das Gegenmittel zur Gier ist und Leidenschaft ein Synonym der Gier darstellt. Doch wenn Leidenschaftslosigkeit als augenblickliche Zerstörung der Phänomene interpretiert wird, sollte sie als ein Aspekt der Betrachtung der Unbeständigkeit verstanden werden, d.h. als wiederholtes Erkennen der augenblicklichen Auflösung der Gestaltungen. Wenn wir ferner anerkennen, dass Leidenschaftslosigkeit durch Ersetzen durch das Gegenteil - d.h. das Dahinschwinden der Leidenschaft - aus der Betrachtung der augenblicklichen Zerstörung der Phänomene hervorgehen kann, können wir die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit wieder als eine Form der Betrachtung des Leidens einstufen.

Ein zwingender Beweis kann auch aus dem Patisambhidâmagga zitiert werden, um zu begründen, dass die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit an sich direkt ein Aspekt der Betrachtung des Leidens ist. Im Patisambhidâ finden wir eine Einteilung der Betrachtungen auf der Basis des Types der Anhaftung (upâdâna), welche durch jede Betrachtung ausgelöscht wird. Auf diese Einteilung bezogen bilden die Betrachtungen der Unbeständigkeit, des Nicht-Selbst und andere von ähnlicher Natur eine Kategorie, während die des Leidens und andere von ähnlicher Natur eine andere Kategorie bilden. Die Betrachtung der Abwendung und der Leidenschaftslosigkeit sind also in der letzteren Kategorie mit einbegriffen, welche nur die „Anhaftung an sinnliche Freuden" auslöscht.27

Die Lust oder Leidenschaft (râga), welche durch die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit ausgelöscht wird, ist tatsächlich eine tief im Geist verwurzelte Befleckung. Wegen unserer leidenschaftlichen Neigung und Anhaftung an die Gestaltungen sind wir gefangen in diesem schrecklichen Kreislauf der Existenzen, von einem Werdenszustand zum anderen wandernd. Wir können uns schwer vorstellen, wie straff wir uns mit den Fesseln der Lust gefesselt haben während dieses langen, anfangslosen Kreislaufs der Existenzen! „Lust zerstört Einsicht, Lust zerstört Weisheit; sie ist an der Seite des Leidens; sie führt nicht zum Nibbâna."28

Richtiges Wissen und Sehen (yathâbhûta-ñânadassana) entsteht durch geeignete Praxis der Einsichtsmeditation. Der Meditierende wird direkt realisieren, dass alle Gestaltungen dem Entstehen und Vergehen unterworfen sind und als solche eher natürliche Phänomene ohne solch eine Essenz wie ein Selbst, eine Person oder ein Wesen; unvermeidlich ziehen sie Leiden nach sich. Er erkennt klar, dass es in ihnen keinen Wert gibt, daran zu haften, keinen Wert, ihnen zugeneigt zu sein, keinen Wert, auf sie zu hoffen. Folglich vergeht die in seinem Geist verwurzelte Leidenschaft.

Wenn die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit Fortschritte macht, wird der Meditierende realisieren, dass er die vorher empfundenen Neigungen für Schönes, für Jugend, für Gesundheit und Körperkraft, nicht mehr erleben wird. Er erkennt, wie nichtig all unsere Anstrengungen sind, den Körper mit wunderhübschen Kleidern, Parfüms und Kosmetika, Salben und Juwelen zu schmücken. Das Tagewerk, diesen wertlosen Körper, der nichts als ein Haufen Unreinheit ist, am Leben zu erhalten, fühlt sich wie eine schwere Last an. Man erhält nicht mehr den geringsten inneren Drang aufrecht, attraktive Formen zu sehen, angenehme Geräusche zu hören, schöne Düfte zu genießen, schmackhafte Nahrung einzunehmen, angenehme Tastempfindungen zu genießen oder in leidenschaftlichen Gedanken zu schwelgen. Alle alten Fesseln der Vorliebe für Personen und Besitz sind zerrissen. Alle Erwartungen auf Gewinn, Ruhm, Eigentum, Macht und andere weltliche Errungenschaften vergehen. Auch die Sehnsucht auf zukünftiges Glück in himmlischen oder irdischen Bereichen schwindet.

Wenn die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit ihren Höhepunkt erreicht, wird die Leidenschaft völlig verdrängt und der Geist ist vollkommen geläutert. Sogar wenn man erwägt, seine Neigung auf angenehme Sinnesobjekte zu richten, wird keine Sehnsucht entstehen; der Geist bleibt leidenschaftslos. Aber Vorsicht ist hier notwendig, denn Einsichtswissen lässt das Vergnügen nur aussetzen, es rottet es nicht aus. Weil der Geist einem rein erscheint, möchte man annehmen, dass man die Pfade und Früchte erreicht und alle Befleckungen ausgerottet hat. Aber weil man die Befleckungen nur zeitweilig entfernt hat, mittels Ersetzen durch das Gegenteil, würde man beobachten können, wie sie zurückkehren, wenn man die Einsichtsmeditation für eine Weile einstellt. Wenn man die wahre Situation mit Hilfe eines Meditationsmeisters begreift und mit der Meditation fortfährt, wird man folglich nach einiger Zeit die überweltliche Leidenschaftslosigkeit erfahren, das wahre Ziel der Praxis.

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"Mönche, die Betrachtung der Leidenschaftslosigkeit, wenn entfaltet und gepflegt, bringt große Früchte und großen Gewinn ein."29